bitterblasser brief

Geliebter, Gehasster, Verlorener,

während Du in anderen Armen als den meinen liegst, sende ich Dir diese Worte.
Sie sind alles was geblieben ist. Ich weiß, Du willst sie nicht hören, und doch, zwischen den fliessenden Noten und den Händen über der Tastatur habe ich diese Atempausen verdient.

Du magst Dich fragen, was aus mir geworden ist, seit Du nicht mehr über Felder tanzt. Ich glaube es nicht, die Antwort wäre auch zu einfach.

Ich arbeite in einer Puppenfabrik, glücklicherweise nicht in der Reperaturabteilung. Nicht mehr, seit ich alle Puppenköpfe falschherum aufgesetzt habe und ihnen Tränen auf ihre feinen porzellanweißen Bäckchen malte.
Jede von ihnen betrachtete mich mit den selben Ochsenaugen wie sie, Deine kleine Geliebte, die sich nun nachts mit meinem Teddy in Deine starken Arme schmiegt. Gott waren sie niedlich - also die Puppen. So niedlich dass einem vor lauter Übelkeit rosa vor den Augen werden muss.
Ich möchte ihnen den Schraubenzieher in ihr kleines Herz rammen, das noch nie schlagen musste, das sich noch nie im Dreck und Schmerz gewälzt hat, das nichts tut ausser Dir Glück vorzugaukeln.
Normalität ist Dein Alltag geworden, während ich in der Beschwerdeabteilung sitze und den Leuten erklären soll, warum ihre kleinen Engel mit der Zeit Sprünge und Risse bekommen.

Ich esse seit Wochen nichts mehr. Nichts ausser Gurkensandwiches und Zitronensorbet. Für meine Figur ist das ganz gut. Meine Haare sind dunkler geworden, wie meine Augen, fast farblos.
Wenn ich sie schliesse, sehe ich immer noch Dich.
Ich schlafe kaum, nachts streune ich durch die Nacht und suche einen Puppenmörder.

Als Auftragsgeberin bleibe ich unbekannt.

Nun aber ruft die Kunst wieder, ich muss spielen, spielen als wäre die Musik die einzige Wahrheit die bleibt.

Manchmal erinnert sie mich an dein Atmen, die leisen glücklichen Seufzer. Dann wünschte ich mir Harfe zu spielen. Vielleicht hörst Du es eines Tages, unser Lied, während die Puppe an Deiner Seite einen ostdeutschen Schlager singt. Ich spiele mit wunden Fingern
und verbleibe bis zum Tag eines Todes [ihres, deines, der Lüge, der Illusion, meines]

die Deine

15.3.08 20:14, kommentieren

Werbung